Rückblick

Landesgeschichte und Lebensgeschichten


Das aktuelle Projekt der Frauenarbeit der EVLKS als Thema des Rüsttages in Schmiedeberg am 07. Oktober 2020

Am 7. Oktober trafen sich 16 Frauen in Schmiedeberg, um gemeinsam einen Tag im dortigen Martin-Luther-King Haus zu verbringen. An diesem besonderen Tag wurde zweimal Geschichte geschrieben: Vor 71 Jahren setzte die Provisorische Volkskammer in Ost-Berlin die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik in Kraft und vollzieht damit die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). 40 Jahre später – während in Berlin noch eine militärische Ehrenparade zelebriert wird – versammeln sich in Plauen schon 20.000 Menschen zu einer Großdemonstration. Entlang an dieser zeitgeschichtlichen Linie entwickeln sich Biografien verschiedener Frauengenerationen.

Die Ereignisse der deutschen Wiedervereinigung werden noch immer bevorzugt aus männlicher Perspektive erzählt. Jedoch waren unzählige Frauen aktiv an der Mitgestaltung der sogenannten „Wende“ beteiligt. Viele davon organisierten sich in Gruppen unter dem Dach der Kirche, z.B. als „Frauen für den Frieden“ und stießen reformatorische Prozesse an. Sich an die eigenen Lebensgeschichten dieser Zeit zu erinnern und sie mit anderen zu teilen, war das Ziel des Vormittags.

Anhand von Impulsfragen tauschten sich die Frauen im Plenum und in kleinen Gesprächsgruppen aus: Wie haben wir diese Zeit erlebt? 30 Jahre liegen diese Ereignisse zurück. Viele Menschen, die sich als Bürger*innen in der damaligen DDR einen demokratischen Staat erhofften, sehen ihren Wunsch erfüllt.

Aber wie bewahren und nutzen wir Demokratie in unserer Gesellschaft? Und was motiviert uns dazu und gibt uns Kraft? Was geschah damals in unseren Betrieben und Familien? In unserer Kirchgemeinde? Was daran war besonders schmerzhaft und mit Brüchen und Loslassen verbunden? Und worauf blicken wir mit Stolz und Freude?

Der Rüsttag wurde begleitet von Pfarrerin Anette Kalettka (Kuratorin) und Astrid Withulz, die in den frauenpolitischen Bildungsprojekten der Frauenarbeit tätig ist.

Text: Astrid Withulz | Projektkoordinatorin Frauenpolitische Bildungsprojekte
Foto: Für die nachfolgenden Frauengenerationen wurde eine Schatztruhe mit Wünschen und Leitgedanken gefüllt.


Frauenpolitisches Bildungsprojekt:
30 Jahre Friedliche Revolution – Frauenwirken sichtbar machen

Bericht vom Collegium Maius Abend am 17.9.2020 in Erfurt

Länderübergreifende Frauenarbeit im frauenpolitischen Bildungsprojekt
Ort: Collegium Maius im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Die Frauenarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens setzt sich seit 2019 in einem vom Freistaat Sachsen geförderten Projekt dafür ein, dass das Engagement von Frauen im Gestaltungsprozess der deutschen Wiedervereinigung sichtbarer wird. Erst durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Frauenbiografien kann die teilweise sehr unterschiedliche Motivation von Frauen, sich gesellschaftlich oder politisch zu engagieren, tatsächlich nachvollzogen werden.

Für den biografischen Austausch werden jedoch auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch zu selten passende Kommunikationsräume angeboten. Der Collegium Maius Abend bot am 17. September ein Podium, auf dem sich Frauen verschiedener Generationen zu ihren ganz persönlichen Impulsen äußerten, Gesellschaft mitzugestalten. Auf dem Podium nahmen Platz: Romy Köhler, Historikerin und Bildungsreferentin (Berlin), Dr. Friederike Spengler (Pröpstin, Gera), Elke Sonntag (Religionspädagogin, Erfurt), Esther Zeiher (Vikarin und Religionspädagogin, Iphofen).

Der Abend beleuchtete exemplarisch die Erfahrungen mehrerer Frauengenerationen auch im Hinblick darauf, inwieweit Kirche als Impulsgeberin, Öffnerin und Hüterin eines geistigen Freiraumes, Frauen inspirieren konnte und heute kann. Veranstalterin war die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKMD). Brigitte Andrae, Präsidentin des Landeskirchenamtes der EKMD eröffnete die Veranstaltung. Die Moderation lag bei Astrid Withulz, die das Projekt für die Frauenarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche koordiniert.
Diese Maßnahme wurde mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

Text: Astrid Withulz | Foto: Podiumsteilnehmerinnen: Elke Sonntag (Erfurt), Esther Zeiher (Iphofen), Dr. Friederike Spengler (Gera), Romy Köhler (Berlin) v.l.n.r.


Die positive Kraft der Lebensmitte

Bericht über ein Frauenseminar in Moritzburg

Nachdem das Grundseminar am 4. bis 6. September aufgrund zu geringer Anmeldungen in dieser besonderen Zeit abgesagt werden musste, konnte das Aufbauseminar am 18. bis 20. September wie geplant in Moritzburg stattfinden.
Mariann Gellai und Christiane Händel gestalteten für 10 Frauen, die in den vergangenen Jahren bereits an einem Grundseminar teilgenommen hatten, ein spätsommerliches Wochenende. Die Frage, die sich in diesem Jahr durch die Tage zog, war die Frage nach den ungelebten und zu kurz gekommenen Seiten einer jeden Frau. Mit verschiedenen Angeboten zu Bewegung, Entspannung, Spiel, kreativem Schaffen und in Gesprächen haben sich die Frauen auf die Suche begeben und ein belebendes Wochenende erlebt.
Seit 2016 finden jährlich zwei dieser Wochenenden für Frauen in der Lebensmitte statt, die von der Landesdirektion für Gleichstellung zur Stärkung des selbstbestimmten Umgangs mit den eigenen Bedürfnissen und der eigenen Gesundheit in dieser herausfordernden Lebensphase gefördert werden.

Text: Christiane Händel | Referentin Frauengesundheit und soziale Fragen | Foto: Mariann Gellai


Frauen am Lutherweg

Bericht über ein Frauenseminar in Kohren-Sahlis

Nicht mehr als 10, nicht weniger als 9 Teilnehmerinnen, das war die Bedingung für unser Seminar „Frauen am Lutherweg“ vom 22. – 26. Juni 2020 in Kohren-Sahlis. Unter Hygieneauflagen, wie Einzelzimmer und große Tagungsräume, Maskenpflicht bei Museumsbesuchen und Abstand halten im Seminarraum, starteten wir als eine der ersten Gruppen wieder die Angebote in den Freizeithäusern der Landeskirche.

Das Wetter spielte mit, so konnten wir unsere Andachten im Freien gestalten und auch das Johannisfest der Kirchgemeinde miterleben. „Frauen am Lutherweg“ war unser Thema. Hintergrund war das gleichnamige Buch, das 2016 von einem Autorinnenteam der Landeskirche erstellt wurde. Die Spuren von Frauen sind weniger präsent in der Geschichtsschreibung.
Kathrin Wallrabe, eine der Autorinnen, stellte an drei Abenden einige Frauen am Sächsischen Lutherweg vor. Elisabeth von Rochlitz, eine der lutherischen Reformation zugewandte hessische Prinzessin, lag im Streit mit ihrem mächtigen Schwiegervater Kurfürst Georg in Dresden. Sie war bekannt für ihr Unangepasstsein und ihre flotten hessischen Sprüche. Ihre Briefe wurden „als unnütz Gewäsch“ abgetan und sind heute ein Schatz bei der Erforschung der Reformationsgeschichte in Sachsen.
Ein weiterer Abend war Henriette Katharina von Gersdorff gewidmet. Kaum jemand weiß heute etwas über die weltgewandte, gebildete und auch begüterte Großmutter von Graf Zinzendorf, die im Schloss Rötha zur Welt kam. Die Herrnhuter Sterne sind uns bekannt, vielleicht auch der Katharinenhof in der Lausitz. Es wurden neue Lebensformen ausprobiert, damals von den Glaubensflüchtlingen aus Böhmen. Auch die Frauenordination war in der ersten Generation der Herrnhuter Gemeine möglich.

Der dritte Abend war Frauen aus der südlichen Region des Lutherweges gewidmet. Die Teucherin, die Kratzberin, die Weydin waren Frauen aus Zwickau, die der Rat der Stadt schon 1521 ermahnte, dass sie sich nicht des Predigen unterstehen sollten. Wir hörten über Frauen im Bergbau. Herzogin Margaretha von Sachsen war Lehnträgerinnen der „Gnädigen Frauen Zeche“, Katharina von Bärenstein Besitzerin von Zinnbergwerken. Anna von Schönburg verteidigte ihre Rechte im Silberabbau gegen die Besitzansprüche der Wettiner und setzte sich dafür ein, dass der Bergbau sicher betrieben wurde, damit Häuser durch die Weiterführung von Gruben nicht beschädigt würden.
Die Hintergründe zu Glaubens- und Machtfragen, der Einfluss von Politik und nicht zuletzt die Frauenfrage konnten bei allen Biografien umrissen werden.

Wir wollten den Lutherweg auch zu Fuß erleben und wanderten zur Burg Gnandstein, die eine besonders sehenswerte Burgkapelle aus dem 15. Jahrhundert mit drei Altären und wunderbaren Abbildungen von Frauengestalten enthält.
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der „Schwind-Pavillon“ mit Ausmalungen der Geschichte über Amor und Psyche von Moritz von Schwind. Wir besuchten ihn am Mittwoch, es ist ein Teil einer ehemaligen Orangerie und wird heute für Hochzeiten und Kulturveranstaltungen genutzt.

Die Künstlerin und Autorin Ju Sobing bereicherte unser Seminar mit eigenen poetischen Texten, die wir im englischen Park des Schwind-Pavillons im Rahmen eines stillen Gedankenspazierganges lesen konnten.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ju_Sobing
Am Nachmittag leitete sie die Umsetzungen unserer Ideen an, die in Form von Collagen Gestalt annahmen. Anleitung ist das falsche Wort, es gab Raum und Kreativität zum Selberhandeln. Wir konnten viel lachen, es kam aber auch Schweres zu Wort.

„Wir sind frei in allen Dingen“ so der Untertitel des Buches.
Dazu gehört:
– selber lesen, selber denken, sich ein eigenes Urteil bilden
– wozu diese Woche in guter Gemeinschaft beigetragen hat.

Das Buch ist erhältlich im Notschriftenverlag Radebeul:
http://www.notschriften.com/epages/61055162.sf/de_DE/?ObjectID=71580353

Text und Foto: Kathrin Wallrabe | Gleichstellungsbeauftragte der EVLKS